
Der alte Mann ohne Zen
Jemand fragte mich einmal:
„Warum sterben manche spirituelle Meister so früh?“
Die Frage klingt vernünftig. Wenn jemand sein Leben der Weisheit widmet, meditativ lebt und die Geheimnisse des Geistes erforscht – sollte dieser Mensch dann nicht auch besonders lange leben?
Wir betrachten Namen wie Ramakrishna, Osho oder Alan Watts und stellen fest: Manche starben überraschend jung. Andere wiederum wurden sehr alt. B. K. S. Iyengar wurde 95 Jahre alt. Thich Nhat Hanh wurde ebenfalls 95.
Was sollen wir daraus lernen?
Vielleicht gar nichts.
Der Geist sucht nach Regeln. Er möchte eine Formel finden. Meditiere täglich, und du wirst gesund. Praktiziere Zen, und du wirst lange leben. Folge diesem Lehrer, und du wirst dem Leiden entkommen.
Doch das Leben hält sich nicht an unsere Formeln.
Vielleicht lässt sich die Weisheit des Zen in einem einfachen Bild ausdrücken:
Ein Schüler fragt:
„Was ist die größte Wahrheit?“
Der Meister antwortet:
„Die Blume verwelkt.“
Das ist alles.
Die Blume verwelkt. Der Meister verwelkt. Der Schüler verwelkt.
Auch der Buddha starb.
Manchmal sitzen wir auf dem Kissen und hoffen heimlich auf einen Handel. Wir geben Zeit, Disziplin und Hingabe – und erwarten dafür Frieden, Gesundheit oder ein langes Leben.
Aber Zen ist kein Vertrag.
Zen verspricht nicht, dass der Körper gesund bleibt. Zen verspricht nicht, dass die Knie nicht schmerzen. Zen verspricht nicht einmal, dass wir morgen früh aufwachen.
Es zeigt lediglich, was immer schon wahr war:
Dieses Leben ist kostbar, weil es vergänglich ist.
Es gibt viele Menschen, die nie Zen praktiziert haben. Sie saßen nie im Zazen. Sie sprachen nie über Erleuchtung. Dennoch lebten sie ein langes Leben.
Was beweist das?
Nichts.
Und genau darin liegt die Freiheit.
Wenn jemand 95, 100, 112 oder 120 Jahre alt wird, ist das kein Beweis für die Wahrheit seiner Lehre. Wenn jemand mit 50 stirbt, ist das kein Beweis gegen sie.
Die Kirschblüte fragt nicht, wie lange sie blühen wird. Sie blüht.
Der Regen fragt nicht, ob er erleuchtet ist. Er fällt.
Der alte Mann fragt nicht, ob sein Leben erfolgreich war.
Er sitzt in der Sonne und trinkt seinen Tee.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage: nicht, wie viele Jahre wir haben, sondern ob wir dieses eine Jahr, diesen einen Monat, diesen einen Tag wirklich leben.
Wenn wir die Vergänglichkeit akzeptieren, hören wir auf, das Leben zu messen.
Dann werden lang und kurz weniger wichtig.
Ein Atemzug.
Ein Vogelruf.
Eine Tasse Tee.
Genug.
Vielleicht beginnt Zen genau dort, wo wir aufhören, das Leben zu zählen.
© Markus Wilsing
